Vaterschaftsurlaub ist kein Luxus

Nachdem der Nationalrat vor Kurzem die Einführung von zwei Wochen Vaterschaftsurlaub verworfen hat wird dasselbe nun auf dem Weg einer Volksinitiative versucht. Allerdings mit 20 statt 10 Tagen Urlaub für die neuen Väter.

Wissen Sie, wie viel Urlaub Schweizer Vätern nach der Geburt ihres Kindes zusteht? Gesetzlich gesehen gar keiner. Zwar gibt es einen Tag Urlaub für die Geburt des Kindes, jeder Tag mehr ist allerdings reine Freundlichkeit. Viele Firmen bieten zwar freiwillig Vaterschaftsurlaub an, doch eine weit grössere Anzahl lässt Väter von Neugeborenen ohne Pause weiterarbeiten. Damit steht die Schweiz in Westeuropa isoliert da. In Deutschland bekommen Eltern nach der Geburt 14 Monate Elterngeld (S. 3), wobei einem Elternteil (realistischerweise wohl meistens dem Vater) 2 Monate davon zustehen. Grundsätzlich kann es aber frei zwischen den Partnern aufgeteilt werden.

Ähnlich sieht es in den skandinavischen Ländern aus. Dort ist es selbstverständlich, dass auch der Vater nach der Geburt Zeit bekommt, um sich um die neue Familie zu kümmern. In Island dauert der Elternurlaub sogar 9 Monate, wobei jeder Elternteil mindestens je 3 Monate davon in Anspruch nehmen muss (IV.8, leider auf Isländisch). Den Rest darf das Paar selbstständig unter sich aufteilen.

Die reiche Schweiz aber hat zu wenig Geld für mickrige zwei Wochen Vaterschaftsurlaub? Dass das Parlament in der gleichen Sitzung noch ein Steuergeschenk in Höhe von 400 Millionen Franken an die Bauern gemacht hat, macht deutlich, dass es sich beim finanziellen Argument nur um Augenwischerei handelt.

Ein Bericht des Bundesrats kommt zum Schluss, dass der Vaterschaftsurlaub, welcher in der neuen Initiative vorgesehen ist, jährlich ca. 385 Millionen Franken kosten würde (S. 69). Das ist absolut bezahlbar, wenn wir bedenken, dass der Bund 2010 Erwerbsentschädigungen in Höhe von 875 Millionen Franken ausbezahlt hat. Zusammengenommen ergibt das Kosten von 1.26 Milliarden Franken pro Jahr, also ca. 145% des Standes von 2010.

Das könnte mit einer Erhöhung der EO-Abgabe von 0.45% auf 0.65% des massgebenden Lohns aufgefangen werden. Da Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Abgabe jeweils zur Hälfte bezahlen, entspräche die tatsächliche Erhöhung für Arbeitnehmer nur 0.1% des massgebenden Lohns. Bei einem Lohn von 5000 Franken sind das monatlich gerade mal 5 Franken extra.

Und das wäre nur der Extremfall. Die Armee plant nämlich, den Bestand auf 100'000 SoldatInnen zu verringern, was eine Entlastung der EO zu Folge hätte. Eine weitere Entlastung gäbe es, sollte sich die von Damals-Armeeminister Ueli Maurer geäusserte Idee durchsetzen, die WKs auf zwei Wochen zu reduzieren. Eine solche Reduktion ist zwar alles andere als sicher, wird aber meiner Meinung nach früher oder später kommen. Würde man dazu noch die unverständlicherweise längere Dauer des Zivildiensts der des Militärdiensts angleichen, würden in der EO weitere, bereits vorhandene Mittel, zur Finanzierung des Vaterschaftsurlaubs frei.

Der Vaterschaftsurlaub ist also alles andere als eine "[…] teure Geste, die wir uns nicht leisten können." Leisten könnten wir es uns für den Preis eines Kaffees einmal im Monat. Und viel eher als eine "Geste" wäre der Vaterschaftsurlaub eine dringend nötige Erweiterung des Schweizer Sozialsystems mit zahlreichen Vorteilen für die Schweizer Bevölkerung.


Gerne verweise ich hier auf www.vaterschaftsurlaub.ch und das Argumentarium der Initiative.

 

 

 

 

 

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